Wer vom Marheinekeplatz aus die Friesenstraße nach Süden geht, merkt es zuerst in den Beinen. Die Straße steigt an. Nach wenigen Minuten ist das Stimmengewirr der Markthalle verschwunden. An der Arndtstraße klingt der Kiez bereits anders, und am Chamissoplatz hört man vor allem Kinder und Tauben.
Die Steigung ist der Rand des Teltow-Plateaus. Am Mehringdamm steigt das Gelände zwischen Bergmannstraße und Fidicinstraße um 14 Meter an. Diese vierzehn Meter trennen zwei Arten, im Bergmannkiez zu wohnen.
Der Bergmannkiez liegt im Südwesten Kreuzbergs. Im Westen begrenzt ihn der Mehringdamm, im Norden die Gneisenaustraße bis zum Südstern, im Süden der Columbiadamm. Im Osten schließen die Friedhöfe an der Bergmannstraße das Viertel ab. Die Bergmannstraße selbst führt vom Mehringdamm bis zum Südstern.



Der Bergmannkiez ist kein gewachsenes Dorf, sondern ein Plan. Das Gebiet um den Chamissoplatz wurde 1877 als Ergänzung zum Hobrechtplan entworfen. Gebaut wurde schnell und dicht. Die Mietshäuser hatten Quer- und Seitenflügel, manche zwei Hinterhöfe. Hier wohnten Handwerker, kleine Kaufleute und Angestellte.
Dass diese Struktur erhalten ist, liegt nicht nur daran, dass der Krieg das Viertel weitgehend verschont hat. 1979 wurde der Chamissoplatz Sanierungsgebiet, und der Senat plante, die Höfe durch Abriss zu entkernen. Die Bewohner organisierten sich, besetzten leergezogene Häuser und verhinderten den Abriss. Die Höfe sind deshalb bis heute Höfe. Das prägt das Wohnen stärker als jede Fassade.
Der Marheinekeplatz ist der öffentliche Raum des Viertels. Die Markthalle eröffnete hier 1892. Im Krieg blieb nur ihr westlicher Kopfbau stehen. Nach einer umfassenden Renovierung öffnete sie 2007 neu. Gegenüber steht die Passionskirche, in der heute auch Konzerte stattfinden.
Am Platz ist der Tag lang. Morgens kommt der Lieferverkehr, tagsüber der Einkauf, abends die Gastronomie. Wer hier wohnt, hat Weite vor dem Fenster und selte vollkommene Ruhe. Für manche ist genau das der Wert der Lage. Andere ziehen nach einigen Jahren zwei Straßen weiter und bleiben Stammkunden in der Halle.
Auch die Bergmannstraße ist in Bewegung. Seit 2021 ist ein Abschnitt Einbahnstraße mit einem Zweirichtungsradweg. Geplant ist, die Straße zwischen Nostitz- und Schleiermacherstraße für Autos zu sperren. Einen Zeitplan gibt es noch nicht. Im Kiez wird darüber seit Jahren gestritten. Sicher ist nur, dass sich die Lage an der Bergmannstraße noch verändern wird.



Die Arndtstraße ist keine Adresse, die man Besuchern zeigt. Genau darin liegt ihr Reiz. Sie führt von der Heimstraße bis zur Nostitzstraße und bildet den nördlichen Rand des Chamissoplatzes. Die Mietshäuser Nr. 10 bis 37 aus den Jahren 1875 bis 1890 stehen unter Denkmalschutz. Nr. 34 wurde 1888 als Mietshaus mit Gewerbehof gebaut.
Der Gewerbehof erklärt viel über den Kiez. Wohnen und Arbeiten lagen hier von Anfang an im selben Block. Hinter einer ruhigen Fassade kann bis heute ein Hof mit Werkstätten oder Büros liegen. Von der Straße aus sieht man es nicht.
Wer von der Bergmannstraße kommt, spürt hier den Übergang. Aus der Einkaufsstraße wird eine Wohnstraße.
Oben liegt der Chamissoplatz, angelegt 1878 und seit 1890 nach Adelbert von Chamisso benannt. Die Häuser Chamissoplatz 1 bis 8 bilden ein denkmalgeschütztes Ensemble. An der Ecke steht das „Café Achteck“, ein grünes Pissoir aus Gusseisen. Wenige Schritte entfernt ragt der Wasserturm auf. Er wurde gebaut, um das hoch gelegene Viertel mit genug Wasserdruck zu versorgen. Die vierzehn Meter haben also auch die Infrastruktur geprägt.
Der Samstag gehört dem Ökomarkt. Er findet seit über 30 Jahren statt, samstags von 9 bis 15 Uhr. Das Publikum besteht vor allem aus Anwohnern. Man wird gegrüßt. Unter der Woche prägen Familien und der Spielplatz den Platz, abends leert er sich. Seit 2022 verhindern Durchfahrsperren den Durchgangsverkehr. Wer hier wohnt, hat wenig Verkehr, dafür eine sehr sichtbare Nachbarschaft.
Wohnen im Bergmannkiez heißt fast immer Altbau. Doch Altbau ist nicht gleich Altbau. Wenn wir mit Eigentümern durch ein Haus gehen, beginnt das Gespräch selten in der Wohnung. Es beginnt im Hof.
Das Vorderhaus bietet Fassade, hohe Räume und Blick, aber auch den Straßenlärm. Im Seitenflügel hängt das Licht stark von Etage und Hofbreite ab. Im Hinterhaus ist es meist ruhiger. Ob es auch hell ist, entscheidet der Hof. Ein Gartenhof und ein Gewerbehof sind zwei verschiedene Wohnlagen, auch unter derselben Hausnummer.
Hinzu kommt die Himmelsrichtung. Bergmannstraße und Arndtstraße verlaufen ungefähr von West nach Ost. Auf der Nordseite liegen die Zimmer zur Straße nach Süden, auf der Südseite die Zimmer zum Hof. Im Alltag entscheidet das darüber, wo die Nachmittagssonne ankommt. An der Bergmannstraße zählt außerdem das Erdgeschoss. Eine Wohnung über einer Bäckerei lebt anders als eine über einem Restaurant mit Außenplätzen.
Dazu kommt die Ebene, die man nicht sieht. Große Teile des Kiezes stehen unter Milieuschutz. Modernisierungen, Grundrissänderungen oder der Anbau von Balkonen brauchen dort eine Genehmigung, auch für Wohnungseigentümer. In der Arndtstraße und am Chamissoplatz gilt zusätzlich Denkmalschutz. Das entscheidet mit darüber, was eine Wohnung heute ist und was sie werden kann.
Zwei Wohnungen mit gleicher Größe und ähnlicher Ausstattung können hier deshalb sehr verschieden sein.


Der Bergmannkiez passt zu Menschen, die ihren Alltag zu Fuß organisieren und Nachbarschaft mögen. Familien finden am Chamissoplatz einen Platz, der für Kinder gebaut ist. Wer Lebendigkeit sucht, ist am Marheinekeplatz richtig. Wer mit dem Auto vor die Tür fahren möchte oder Anonymität sucht, ist in anderen Teilen der Stadt besser aufgehoben.
Unsere Erfahrung aus diesen Straßen ist, dass oft wenige Meter den Unterschied machen. Zwischen Marheinekeplatz und Chamissoplatz liegen vierzehn Höhenmeter und einige Minuten Fußweg. Für das Wohngefühl und für die Einordnung einer Wohnung können sie viel bedeuten. Wer darüber einmal in Ruhe sprechen möchte, findet uns nicht weit entfernt, in der Reichenberger Straße.
Welche Wohnlagen gibt es im Bergmannkiez?
Grob drei: die lebendige Lage an Bergmannstraße und Marheinekeplatz, ruhigere Seitenstraßen wie die Arndtstraße und das nachbarschaftliche Quartier rund um den Chamissoplatz.
Gilt im Bergmannkiez Milieuschutz?
In großen Teilen ja. Umwandlungen und viele bauliche Veränderungen sind dort genehmigungspflichtig.
Wird die Bergmannstraße eine Fußgängerzone?
Geplant ist eine Sperrung für Autos zwischen Nostitz- und Schleiermacherstraße. Einen Zeitplan gibt es noch nicht.
Was beeinflusst den Wert einer Wohnung im Bergmannkiez?
Vor allem die Mikrolage: Nähe zu Platz und Gastronomie, Straßenseite, Gebäudeteil, Etage, Hof sowie Erhaltungs- und Denkmalrecht.